Wie überzeugen wir andere, sich vegan zu ernähren?

Es reicht nicht recht zu haben, um andere zu überzeugen. Eine Erkenntnis, die wir als Veganer Tag für Tag schmerzlich erfahren müssen – ob beim Essen mit Freunden und Kollegen, bei der ehrenamtlichen Arbeit oder bei Demonstrationen. Wie also können wir andere davon überzeugen, sich vegan zu ernähren? Mit dieser Frage hat sich der Geschäftsführende Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung, Mahi Klosterhalfen, intensiv beschäftigt. Dabei ist er zu teilweise überraschenden Antworten gekommen.

Im Rahmen Veggieworld in Düsseldorf hat Klosterhalfen einen sehenswerten Vortrag darüber gehalten, wie wir andere Menschen von der veganen Lebensweise überzeugen können. Er stützt sich auf Erkenntnisse aus der Psychologie, die der Tierrechtler Nick Cooney in seinem (bisher nur auf Englisch erschienenen) Buch „Change of Heart“ zusammengefasst hat. Das Video zum Vortrag findet ihr unten in dem Beitrag. Mit freundlicher Genehmigung der Albert Schweitzer Stiftung fasse ich den Vortrag hier frei zusammen.

1. Soziale Normen wirken
Viele Menschen möchten „normal sein“, sie möchten sich in die Gesellschaft einfügen und orientieren sich deshalb an dem, was andere tun. Drei Beispiele aus der Psychologie:

  • Strom sparen: Es wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass ein Flyer mit dem Aufdruck „Eure Nachbarn sparen auch Strom“ sehr viel wirkungsvoller ist als ein Flyer, der damit argumentiert, dass man durch Stromsparen auch Geld sparen oder die Umwelt schonen kann.
  • Handtücher wiederverwerten: In einigen Hotels finden die Gäste einen Aushang, auf dem zu lesen ist, dass 73% der Besucher dieses Hotels ihre Handtücher wiederverwenden. Denn: Die Praxis hat gezeigt, dass dieser Satz sehr viel besser wirkt als ein Aufruf, der für den Umweltschutz durch Wiederverwendung des Handtuchs wirbt.
  • Blut spenden: Es wurde nachgewiesen, dass Werbung für das Blutspenden viel besser wirkt, wenn dort Bilder von Blutspendern abgebildet werden. Nach dem Motto: Auch andere Menschen spenden Blut – warum also nicht auch du?

Übertragen auf den Veganismus heißt dies für mich: Wenn uns Vorbilder oder Freunde beweisen, dass sie vegan leben und es so schwer nicht sein kann, ist dies oft wirkungsvoller als harte Fakten.

2. Selbstverpflichtungen wirken
Auch wenn wir oft einen anderen Eindruck haben: In der Regel tun Menschen meistens das, was sie versprochen haben. Beispiele nach Cooney:

  • Tische reservieren: In der Gastronomie ist es häufig ein Problem, dass die Menschen Tische reservieren und dann doch nicht kommen. Die Tische wurden freigehalten, vielleicht wurden sogar andere Gäste weggeschickt – aber die Tische blieben leer. In einer Studie sollten die Restaurantbesitzer ihre reservierenden Gäste deshalb fragen, ob sie bitte anrufen könnten, wenn sie es nicht schaffen. Denn durch diese Selbstverpflichtung wurde die Quote der Menschen, die nicht gekommen sind, deutlich niedriger.
  • Öffentliche Verkehrsmittel nutzen: Eine Studie hat ergeben: Wenn die Menschen gebeten werden, die öffentlichen Verkehrsmittel öfter zu nutzen und sie dem zusagen, so wirkt das genau so gut, als wenn Gratistickets verteilt werden – und es ist deutlich günstiger.

Also: Bittet eure Mitmenschen, doch einfach mal, eine Broschüre zu lesen oder ein veganes Essen zu testen, wenn ihr sie überzeugen wollt.

3. Zwischenschritte zulassen
Über diesen Punkt streiten sich Tierrechtler und Veganer gerne: Ist „weniger Fleisch“ ein sinnvoller Zwischenschritt? Sollten wir die Menschen nicht eher davon überzeugen, sofort vegan leben? Darauf hat die Wissenschaft eine klare Antwort: Zwischenschritte sind sehr wichtig, denn:

  1. Das Selbstbild verändert sich langsam.
  2. Die Menschen haben die Tendenz, konsequenter werden.

Beispiele:

  • Langsamer fahren: Um die Menschen zu überzeugen, langsamer zu fahren, wurde ein Häuserblock gebeten, große (und hässliche) Schilder in ihre Vorgärten zu setzen, auf denen „Wir unterstützen langsames Fahren in der Nachbarschaft“ zu lesen war. Doch nur wenige Menschen waren bereit, diese hässlichen Riesenschilder in ihre Vorgärten setzen zu lassen. Also haben die Organisatoren beim nächsten Häuserblock einen Zwischenschritt gewählt: Dort haben sie zunächst gefragt, ob die Nachbarn kleine Aufkleber in Fenster kleben würden, in denen für langsames Fahren geworben wird. Ergebnis: Fast alle Menschen waren dazu bereit. Nach zwei Wochen dann wurden eben diese Nachbarn gebeten, das große Schild in ihre Vorgärten zu setzen. Und tatsächlich: Fast alle Menschen mit einem Aufkleber im Fenster haben zugesagt.
  • Erst unterschreiben, dann handeln: Ähnliches wurde bei Petitionen beobachtet. Viele Menschen sind eher bereit, sich auch ehrenamtlich für eine Sache zu engagieren, wenn sie zuvor eine Petition zum Thema unterschrieben haben oder einen Anstecker getragen haben, der sie in der Sache bestärkt.

Auf den Veganismus übertragen bedeutet das: Fordert nicht zu viel auf einmal von euren Mitmenschen!

Die Albert Schweitzer Stiftung hat sich für den Titel ihres Flyers „Selbst wenn Sie Fleisch mögen“ bei der US-Organisation Vegan Outreach bedient. Diese hatte ursprünglich den Titel „Why vegan?“ – also „Warum vegan?“. Das Problem: Viele Menschen wollen nicht sofort vegan leben, selbst wenn sie ein Problem mit der Massentierhaltung haben – sie ließen also die Flyer liegen. Als die Broschüre in „Even if you like meat“ umgetauft wurde, hatte die Organisation mehr Erfolg, die Flyer wurden viel häufiger mitgenommen. Also: Fordert andere nicht sofort dazu auf, vegan zu leben! Wenn sie den Fleischkonsum zunächst reduzieren, dann gewöhnen sie sich daran und sind anschließend eher bereit, den nächsten Schritt zu gehen.

4. Wenige Optionen bieten
Auch wenn es viele Argumente für Veganismus gibt: Je länger die Liste mit den Vorteilen ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen sich nicht überzeugen lassen. Denn: Ein bis drei Optionen können sich die Menschen viel besser merken als eine Liste mit 50 Argumenten. Beispiel:

  • Altersvorsorge: Eine Firma wollte ihre Mitarbeiter von einer Altersvorsorge überzeugen und hat ihnen viele Angebote vorgelegt, so dass „für jeden etwas dabei ist“. Aber niemand wollte die lange Liste durchgehen. Erst als die Liste der Optionen auf drei Vorsorgepläne beschränkt wurde, haben fast alle Mitarbeiter das Angebot in Anspruch genommen.

Also: Überfordert euer Gegenüber nicht. Mit ein bis drei Argumenten für den Veganismus hat man erstmal genug zu verdauen. Wie wäre es mit: Vegan ist gut für deine Gesundheit, für die Tiere und für die Umwelt?

5. Geschichten erzählen
Die Menschen erinnern sich an Geschichten und vergessen Statistiken. Beispiel:

  • Vorlesung: Wenn der Stoff einer Vorlesung nur mit Statistiken untermauert wird, erinnern sich nur 5% der Studenten an den Inhalt. Wird der gleiche Stoff aber mit Geschichten untermauert, so erinnern sich 60% der Studenten daran.

Die Albert Schweitzer Stiftung unterfüttert ihre Broschüren deshalb mit Geschichten, die Empathie erzeugen: Es gab einmal eine Frau, die ein Schwein liebevoll als Haustier gehalten hat. Als diese Frau einen Herzinfarkt bekam, hat sich dieses Schwein durch die viel zu kleine Hundeklappe gezwängt, einen Autofahrer angehalten, der dem Schwein hinterhergerannt ist und so die Frau gefunden hat. Der Mann hat den Notarzt gerufen, die Frau wurde gerettet und das Schwein bekam eine Ehrenmedaille. Diese Geschichte kann man sich viel besser merken, als eine Statistik über die Intelligenz der Schweine.

6. Positiv umschreiben
Wenn man bei einer Broschüre gegen Massentierhaltung auch die Position der Gegenseite aufnimmt und als Mythen enttarnt, so halten die Menschen nach kurzer Zeit auch die Mythen für wahr. Der Grund: Verneinungen kann sich der Mensch schlecht merken. Ein Beispiel:

  • In einer Studie wurden 40% der Mythen als Fakten erinnert.

Deshalb sollte man nur die eigene Positon verkünden, statt die der Gegenseite zu wiederholen und zu verneinen.

7. Äußerlichkeiten wirken
Es ist leider so: Menschen werden oft nach Äußerlichkeiten bewertet. Wenn wir also andere Menschen überzeugen wollen, sollten wir dies beachten und die Tierrechte höher setzen als die Verwirklichung des Kleidungsstils. Cooney empfiehlt, sich an den Kleidungsstil der Zielgruppe anzupassen, sich sogar ein bisschen konservativer zu kleiden als die Menschen, die man erreichen will. Zudem sollten man freundlich auf andere zugehen.

8. Kein schlechtes Gewissen machen
Wenn wir anderen ein schlechtes Gewissen machen, dann suchen diese in der Regel nach Gründen, warum sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Dabei kommen „die größten Unmöglichkeiten“ zustande: Von „die Tiere haben es sich vielleicht ausgesucht“ bis hin zu „Wer weiß, vielleicht ist Massentierhaltung für die Tiere ja wie eine Kreuzfahrt und sie machen nur Party“. Egal wie unlogisch die Ausflüchte sind: Die Menschen glauben sie und ändern ihr Verhalten entsprechend auch nicht.

Dieser Mechanismus greift umso stärker, je größer die Ungerechtigkeit ist – ein riesiges Problem bei der ungerechten Massentierhaltung. Deshalb: Nicht den Menschen ein schlechtes Gewissen machen, sondern sie davon überzeugen, gemeinsam für die gute Sache zu kämpfen.

9. Ergebnisse zählen
Zu guter Letzt sollte man für die Überzeugungsarbeit Ziele definieren:

  • so viel Leid wie möglich lindern
  • so viele Leben wie möglich retten

Oft stürzen sich die Tierschutzorganisationen auf das, was gerade aktuell ist, ohne die Effizienz abzuwägen. Als beispielsweise die Kuh „Yvonne“ ausgebüchst war und sich in den Wäldern vor den Jägern versteckt hielt, haben Tierschutzorganisationen die Kuh mit Helikoptern gesucht und viele tausend Euro ausgegeben, um dieses eine Tier zu retten. Dabei hätte man mit diesem Geld eine Vielzahl von anderen Tieren retten können. Wenn man davon ausgeht, dass jedes Leben gleich viel wert ist, dann sollte man lieber viele Tiere retten, als ein einzelnes, so Klosterhalfen.

Ähnliches gilt für den Schutz von Heimtieren vs. „Nutztieren“: Laut Cooney kostet die Rettung eines Heimtiers etwa 280 Dollar, während ein Nutztier schon für 0,55 Dollar gerettet werden kann – zum Beispiel, indem man die Menschen mit Broschüren davon überzeugt, weniger Tiere zu essen. Wenn ein Hund genau so viel wert ist wie ein Schwein, sollte man sich auf „Nutztierhaltung“ konzentrieren.

Also: Seid ihr bereit, eure Mitmenschen zu überzeugen?

Hier der Vortrag als Video:

 

Mehr zum Thema:

Ein Gedanke zu „Wie überzeugen wir andere, sich vegan zu ernähren?

  1. Ich habe mir das Video nicht angesehen, vielleicht wird es da erwähnt: Die Technik der „Zwischenschritte“, wie es hier heißt, nennt man „Foot in the door“-Technik. Unter dem Stichwort findet man auch sehr viele Anleitungen und konkrete Beispiele, deshalb wollte ich den Begriff hier erwähnen – falls jemand sich näher informieren möchte. 🙂

    Trotz allem finde ich persönlich es aber auch immer wichtig sich zu fragen: Ist das denn wirklich so, dass wir (ich zähle mich jetzt einfach mal dazu ;)) Recht haben? Auch Veganer argumentieren manipulativ (das hier geschilderte ist auch eine Form der Manipulation, das darf man nicht vergessen – auch wenn der Zweck ein sehr positiver ist), verfälscht und verzerrt und arbeiten zum Teil mit Lügen. Man weiß nie, wem man trauen kann, wenn man es genau nimmt.

    Deshalb bin ich persönlich mit so Aussagen wie „wir haben Recht“ sehr vorsichtig. Was jetzt kein Angriff sein soll, ich denke, so pauschal meintest du das gar nicht. 🙂

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