Sind Veganer bessere Menschen?

Bist du ein besserer Mensch, weil du Veganer bist? Diese Frage wird Veganern in Interviews und Gesprächen (oder auch nur in Gedanken) gerne gestellt. Meine Antwort: Ob ich besser bin als andere Menschen – diese Frage kann und will ich nicht beantworten. Aber eines weiß ich ganz sicher: Mein veganes Ich ist besser mein früheres Ich.

Es gab mal eine Zeit, in der ich jeden Tag gedankenlos Milch in meinen Kaffee schüttete und in der Pizza mit Käse und Döner mit Tzatziki zu meinen Leibspeisen gehörten. Unterbewusst nagte es schon damals in mir : Ich ahnte, dass für meinen Genuss Tiere leiden mussten, doch ich verschloss lieber die Augen davor, statt mich damit beschäftigen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, dachte ich – und wenn ich nicht genau weiß, wie sehr die Tiere leiden, dann muss ich auch mein Verhalten nicht ändern. Manchmal wurden die Stimmen zu laut – dann lebte ich eine Zeit lang vegetarisch, nur um irgendwann wieder schwach zu werden. Ich wusste nicht viel über das Leiden der Tiere – es war mehr ein Gefühl, dass es besser sei, vegetarisch zu leben und dieses Gefühl ließ sich ganz gut verdrängen, wenn die Chicken McNuggets wieder unwiderstehlich wirkten.

Eines Tages beschloss ich, mich intensiv mit der Tierhaltung zu beschäftigen. Mir war bewusst, dass ich dann wahrscheinlich dauerhaft vegetarisch leben würde – und so kam es auch. Veganer hielt ich weiterhin für militante Spinner: Wozu auf Milch und Käse verzichten, wenn dafür kein Tier getötet wird? Doch diese Einstellung änderte sich, je mehr Bücher ich zu dem Thema las,je mehr Dokumentationen ich sah und  je mehr ich mit Veganern in Kontakt kam. Ich lernte, dass Kühe geschwängert werden und ihnen die Kälber weggenommen werden, um an ihre Milch zu kommen. Ich lernte, dass männliche Küken geschreddert oder vergast werden, weil sie keine Eier legen. Und ich lernte, dass die Massentierhaltung von Bienen noch schlimmer ist als die von Schweinen. Und so entschied ich mich, vegan zu leben.

Inzwischen bin ich sicher, dass ich nicht „rückfällig“ werde. Meine Lebensweise und Ernährung fußt nicht mehr nur auf einem vagen Gefühl, sondern auf dem Wissen um das Leid und den Tod vieler Tiere. Die Tatsache, dass ich jetzt hinsehe und meinen kleinen Einflussbereich soweit wie möglich nutze, statt die Augen vor dem Leid dieser Tiere zu verschließen, macht mich zu einem besseren Menschen als zuvor.

Im Laufe seines Lebens isst ein Deutscher nach Berechnungen des Vegetarierbunds im Schnitt 4 Kühe und Kälber, 4 Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner – das sind insgesamt 1.094 Tiere. Hinzu kommen noch unzählige Fische und andere Meerestiere. Und auch die Tiere die für Milch, Eier und Honig sterben müssen, sind noch nicht eingerechnet. Als Veganer rette ich natürlich nicht zwangsläufig rund 1000 Tiere – schließlich werden wegen einem einzelnen Veganer nicht gleich weniger Tiere geschlachtet. Doch zumindest bin ich nicht mehr direkt für den Tod dieser Tiere verantwortlich.  Grafik: Fleischatlas 2013, CC-BY-SA.

Im Laufe seines Lebens isst ein Deutscher nach Berechnungen des Vegetarierbunds im Schnitt 4 Kühe und Kälber, 4 Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner – das sind insgesamt 1.094 Tiere. Hinzu kommen noch unzählige Fische und andere Meerestiere. Und auch die Tiere die für Milch, Eier und Honig sterben müssen, sind noch nicht eingerechnet. Als Veganerin rette ich natürlich nicht zwangsläufig rund 1000 Tiere – schließlich werden wegen einem einzelnen Veganer nicht gleich weniger Tiere geschlachtet. Doch zumindest bin ich nicht mehr direkt für den Tod dieser Tiere verantwortlich.  Grafik: Fleischatlas 2013, CC-BY-SA.

Doch es ist mehr als das: Ich bin nicht nur den Tieren gegenüber verantwortungsbewusster, sondern auch offener gegenüber anderen Themen. Ich habe gelernt, die Dinge anzuzweifeln und genauer hinzusehen, statt die Augen zu verschließen. Ich achte darauf, möglichst viele regionale und biologisch angebaute Lebensmittel einzukaufen, um das Klima zu schonen und weniger Gift in den Boden zu leiten. Ich versuche, möglichst wenig Müll zu produzieren. Ich fahre öfter mit dem Fahrrad oder der Bahn als mit dem Auto. Und auch chemische Reinigungsmittel kommen mir kaum noch ins Haus.

Andererseits gibt es auch viele Lebensbereiche, von denen ich genau weiß, dass sie sich noch optimieren lassen, mit denen ich mich aber noch nicht näher beschäftigt habe. Mit der Herstellung unserer Kleidung, der Produktion von Möbeln oder technischen Geräten. Mit Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern. Mit der Armut in unserer Heimat und in anderen Ländern. Und es gibt viele Produkte, die zwar vegan sind, aber dennoch den Tieren, dem Planeten oder anderen Menschen schaden: Der Anbau von Tee oder Schokolade wird meist auf dem Rücken anderer Menschen ausgetragen. Für die Bestäubung von Mandeln werden Bienen kilometerweit durch die Gegend gekarrt. Unter T-Shirts aus Acryl haben tausende Meeresbewohner und Vögel zu leiden. Und auch die Klimabilanz von Tropenfrüchten ist erschreckend.

All dies erklärt, warum ich mich nicht mit anderen Menschen vergleichen möchte. Vielleicht kauft mein Gegenüber ausschließlich Fairtrade-Kleidung, vielleicht verzichtet es auf Cashews, Mandelmus und tropische Früchte, um das Klima zu schonen. Viele Menschen haben es geschafft, weitgehend plastikfrei zu leben. Einige kaufen nur noch regional ein und lassen Online-Shops links liegen. Oder sie machen nur noch Urlaub in der Region, statt mit dem Flugzeug um die Welt zu jetten. Ich habe mich entschieden, vegan zu leben, weil dies für mich der richtige Anfang schien. Doch ich weiß, dass ich noch viel mehr tun kann und auch möchte. Und mir ist bewusst, dass es viele andere Möglichkeiten gibt, sich für eine bessere Welt zu engagieren.

Jeder Mensch leistet auf seine Weise einen Beitrag. Ich möchte mir nicht anmaßen, meine Lebensweise als die bessere hinzustellen. Doch ich würde mich freuen, wenn wir alle unsere Augen öffnen und uns mehr damit beschäftigen, wie wir die Welt jeden Tag ein bisschen besser machen können. Statt uns gegenseitig zu vergleichen, sollten wir versuchen, an uns selbst zu arbeiten. Um dann am Ende sagen zu können: Ich weiß nicht, wer von uns der bessere Mensch ist. Aber ich weiß, dass ich heute besser bin als ich es gestern war. Und das ist alles, was für mich von Bedeutung ist.

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