Das gläserne Schlachthaus

Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wäre jeder Vegetarier.
(Paul McCartney)

Das habe ich bisher auch immer geglaubt. Aber Paul McCartney hat sich geirrt. Und ich mich ebenso. Denn in Dänemark gibt es ein Schlachthaus mit gläsernen Wänden. Und die Besucher kommen in Scharen – ohne anschließend zu Vegetariern zu werden.

Für die Tiere bedeuten die gläsernen Wände auf den ersten Blick eine Verbesserung: Wenn der Verbraucher die Schlachtung beobachtet, sind leidende Tiere unerwünscht. Doch ein solcher Vorzeigeschlachthof birgt auch eine Gefahr. Zu leicht kann man damit den Menschen ein gutes Gewissen einreden: „Wenn das Schlachten so unblutig und effizient vonstatten geht, dann kann ich ja weiterhin Fleisch essen.“

Nur leider ist diese Form der Schlachtung die große Aufnahme. Neben dem gläsernen Schlachthof von Danish Crown gibt es Tausende andere, in die kein Fotograf, kein Journalist und kein Kunde hineingelassen wird. So bleibt den Blicken der Verbraucher verborgen, wie jeden Tag abertausende Tiere qualvoll sterben und ihre Zerlegung miterleben.

Schweine werden in der Regel mit CO2 betäubt. Bei dieser Methode kann es bis zu eine Minute lang dauern, bis die Tiere bewusstlos sind. Der qualvolle Erstickungstod äußert sich in heftigen Fluchtversuchen, Strampelbewegungen, Lautäußerungen und Atemnot. Auch kommt es vor, dass die Tiere nicht richtig betäubt werden. Schätzungsweise eine halbe Million Schweine wacht jedes Jahr im Brühbad wieder auf, um mitzuerleben, wie sie mit heißem Wasser übergossen werden. Und auch bei Rindern oder Hühnern gibt es eine hohe Fehlerquote. Bei Tierrechtsorganisationen wie der Albert Schweitzer Stiftung, Provieh und dem Vegetarierbund kann man sich über diesen Schlachtprozess ausreichend informieren.

 

Doch selbst wenn wir davon ausgingen, dass jeder Schlachthof so arbeiten würde wie das gläserne Beispiel von Danish Crown, bleibt das Wesentliche immer noch vor unseren Blicken verborgen: Wie wachsen die Schweine auf, bevor sie im Sekundentakt abgestochen werden? Sind sie artgerecht aufgewachsen, hatten sie ein glückliches Leben?

Schaut man sich die aktuellen Rahmenbedingungen auf, unter denen Schweine aufwachsen müssen, ist davon nicht auszugehen. In der Massentierhaltung vegetieren sie in engen, dunklen und stinkenden Ställen bewegungslos vor sich hin. Mangels Beschäftigungsmöglichkeiten werden sie verhaltensauffällig: Sie beißen sich gegenseitig in den Schwanz oder neigen zum Kannibalismus. Um dies zu verhindern, kupiert man ihnen prophylaktisch die Schwänze – ohne Betäubung. Viele Rassen legen so schnell an Gewicht zu, dass das Skelett entwicklungstechnisch nicht mitkommt. Dann brechen die Beine, weil das Tier sich selbst zu schwer wird.

Schweine leben natürlicherweise in kleinen Gruppen etwa 20 bis 30 ausgewachsenen Tieren. Sie bauen sich witterungsgeschütze Nester, die täglich neu angelegt oder ausgebessert werden und verbringen die meiste Zeit mit der Nahrungssuche. Als Allesfresser greifen sie auf ein breites Nahrungsspektrum zurück und legen dabei große Strecken zurück. Entgegen landläufiger Meinung sind sie ausgesprochen saubere Tiere; ihre Kotplätze sind weit vom Schlafplatz entfernt. Dieses Verhalten zeigen – trotz jahrzehntelanger Züchtung – auch Hausschweine, die aus einer Massentierhaltung in eine natürliche Umgebung gebracht wurden.

In der Massentierhaltung leben die Mastschweine dicht gedrängt in dunklen Ställen, leiden unter Kreislaufschwäche, Gelenk- und Muskelkrankheiten, Druckstellen, Hautabschürfungen und Klauenverletzungen. Die meisten Tiere leben auf Spaltenböden, unter denen Kot und Urin gesammelt werden. Der Gestank ist für die Schweine mit ihrem hochentwickelten Geruchsinn eine Qual und führt zu Lungenschäden und Husten. In natürlicher Umgebung würden sie ihr „Geschäft“ nie dort verrichten, wo sie schlafen.

Selbst die Bioschweine leben nicht alle im Freiland. Ein Biomastschwein hat wenigstens doppelt so viel Platz im Stall wie die konventionellen Leidensgenossen – doch das sind gerade einmal rund 2 Quadratmeter. Zudem haben sie ein Anrecht auf eine Auslauffläche im Freien. Nur ist die oft winzig und erinnert eher an eine Art Außenklo, berichtet Andreas Grabolle in „Kein Fleisch macht glücklich“. Die Haltungsbedingungen von Bioschweinen hat der Verein „Die Tierfreunde“ (heute Animal Rights Watch) in einem Video dokumentiert.

 

So lange Haltung und Schlachtung vor den Blicken der Verbraucher verborgen bleiben, so lange müssen die Tiere hinter verschlossenen Türen leiden. Der gläserne Schlachthof von Danish Crown sorgt zumindest dafür, dass die Tiere unter besseren Bedingungen getötet werden. Doch müssen wir auch so konsequent sein und alle Betriebe so transparent ausrichten – in der Haltung wie in der Schlachtung. Ich kenne genug Menschen, die „ausschließlich Biofleisch essen“, um dann beim Döner nicht genau hinzuschauen. Die Bedingungen sollten für jedes einzelne Tier, das auf der Fleischtheke liegt, offen gelegt werden.

Ich persönlich könnte trotzdem nicht damit leben, dass für meinen Genuss ein Tier getötet wird. Aber wenn durch transparentere Betriebe bessere Bedingungen für die Tiere geschaffen werden können und den Menschen wieder stärker bewusst wird, dass für ihr Stück Fleisch ein Lebewesen sterben muss, dann ist das durchaus ein Schritt in die richtige Richtung. Und wer weiß, vielleicht wird diese Offenlegung dann doch noch den ein oder anderen Besucher zum Vegetarier machen. Den Tieren wäre es zu wünschen.

Quellen:

Ein Gedanke zu „Das gläserne Schlachthaus

  1. Ich hatte auch immer gedacht, wenn die Menschen sehen würden, dass für ihr Schnitzel ein Lebewesen leiden und sterben muss, würden sie kein Schnitzel mehr wollen. Es ist auch nach wie vor meine Überzeugung, dass es deutlich mehr Vegetarier und Veganer geben würde, wenn jeder Mensch verpflichtet wäre, die Tiere, die er essen will, selber zu töten. Es würde mehr Menschen geben, die sich vom Fleischkonsum abwenden würden. Aber es würden nicht alle tun.

    Etwas wissen und etwas im Bewusstsein zu haben sind zweierlei Dinge. Jeder Erwachsene „weiß“, dass die Wurstscheibe mit dem fröhlichen Grinsegesicht darauf tatsächlich von einem Lebewesen stammt. Dennoch ist es vielen nicht bewusst. In dem Moment, in dem sie die Wurst kaufen, haben sie nicht vor Augen, wie diese Wurst entstanden ist. Und ich wage zu behaupten: ein großer Teil der Menschen möchte dies auch gar nicht vor Augen haben.

    Doch auch wenn deutlich sichtbar gemacht wird, wie diese Wurst entstanden ist (was ich begrüßen würde!), gäbe es nach wie vor auch Menschen, die weiterhin ohne ein Unrechtsgefühl Fleisch essen würden. Ich glaube, wir haben in vielen Bereichen den Kontakt zu unserem Gefühl und zu unserer inneren Ethik verloren. Ich spreche nicht von Moral – Moral wird von der Gesellschaft, den Glaubensgemeinschaften etc. vorgegeben und ist daher nicht unbedingt das, was unserer eigenen, inneren Ethik entspricht.

    Wir haben unser Mitgefühl aus Angst vor unserer Verletzlichkeit vergraben. Wenn wir den Mut haben, wirklich einmal hinzufühlen, wie es anderen Lebewesen ergeht, wie sie leben, fühlen, leiden, sterben – wenn wir all dies fühlen würden, würden wir uns freiwillig und gerne wandeln.

    Ich habe einmal einen schönen Artikel gelesen, in dem mal so ein Gedankenspiel gemacht wurde, wie wir uns wohl fühlen würden, wenn eine andere „Herrenrasse“ käme, die uns geistig überlegen wäre und daraus das Recht ableiten würde, uns in Käfige zu stecken, Versuche an uns durchzuführen, uns vergewaltigen zu lassen, uns unsere Kinder wegzunehmen und uns schließlich zu töten.

    Woher meinen wir, das Recht zu haben, all dies zu tun? Und können wir uns wirklich im Spiegel ansehen, wenn wir einmal das Gefühl zulassen, WAS wir da eigentlich tun?

    Danke für den Beitrag zu dem gläseren Schlachthaus!
    Liebe Grüße
    Agnes

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